Prof. Dr. Frauke Kruckemeyer

Würdigung der Projektvorhaben des Vernetzungskünstlers Andrzej Dzierzbicki

Die Projektentwürfe von Herrn Andrzej Dzierzbicki sind für Kultur- und Bildungsträger und für viele Bereiche von Wissenschaft und Kunst von besonderer Bedeutung, weil er als Ideengenerator kreative Impulse und Zeichen setzt, die Zeitgeister bereichern, aber auch in fruchtbarer Weise irritiert.

Im Rahmen meiner Lehrveranstaltungen (u.a. „Raumpioniere und ihre Tatorte – Impulse zur Pflege einer Streitkultur um stadt- und landschaftsplanerische Kultur-Techniken“, „Raumpioniere als Gattungswesen der besonderen Art“ und „Kultur – Macht –Raum: Über Diagnostiker – Patienten – Macher“ im planungs- und kulturpolitischen Geschehen“) habe ich Herrn Andrzej Dzierzbicki als kreativen Künstler und kulturpolitisch äußerst engagierten Zeitgenossen kennengelernt.

Verbindungen zwischen Menschen

Seine Projekte waren für das Lehr- und Forschungsgeschehen stets inspirierend, wenn es um integrative Fragestellungen und um  interdisziplinäre Praktiken zwischen Natur-, Kultur und Sozialwissenschaft ging.

Er spielt dabei im Rahmen seiner vielfältigen Kreationen kritisch mit aktuellen Formierungen von Gesellschaft: Von einer selbst ernannten Wissensgesellschaft über Versionen von Netzwerk-Gesellschaften bis hin zu Entwürfen einer Gesellschaft, die einen „homo compensator“ im internettisierten Zeitalter konstituiert.

Alle Projekte, die ich in der Kooperation mit dem Vernetzungskünstler Andrzej Dzierzbicki kennenlernen durfte, sind im Sinne eines interkulturellen Lernens und interkultureller Weltzugänge zu verstehen:

Der Kerngedanke einer „Vernetzung“ geht in seinen Kontexten weit über eine mechanistisch-technische Idee hinaus: Gemeint sind bei dem Vernetzungskünstler Dzierzbicki abstrakte und imaginäre Gesinnungs- und Bildungslandschaften, aber vor allem leben die Entwürfe seiner Vernetzung von dem Wunsch, Verbindungen zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Gesinnung herzustellen – zwischen Repräsentanten von Bildungsinstitutionen und Alltagsweltlern als „Experten“ ihrer Lebenswelten, zwischen dem akademischen Getriebe und Erfahrungswelten, die in ihren Kulturpraktiken auf Referenzebenen jenseits der administrativen Aktionsfelder zu verorten sind. Bei der Kontaktaufnahme mit den Menschen gelingt es Andrzej Dzierzbicki immer wieder, eine selten gewordene Dimension von Verbindlichkeit  herzustellen. Das Gespräch ist für diesen Künstler in besonderer Weise sein Atelier geworden. Er versteht sich als Interpret und Mediator zwischen den Sphären.

Freiluft-Rochade

Sein Projekt zur „Freiluft-Rochade“ (als Vorläufer des aktuellen Schachprojektes „Schachinstitut dreier Universitäten – Schach auf Lehramt“) wurde bundesweit populär und darüber hinaus an unterschiedlichen Schulen und Kindergärten konkret in Szene gesetzt. Gerade die Universität Kassel zeigte hier inspirierenden Pioniergeist.

Die jeweiligen Raum-Inszenierungen zum Projekt zur neuen „Wir stampfen eine neue Schachgesellschaft aus dem Boden“ sind als Markierungen in der Landschaft zu verstehen, in der sich Wandlungsprozesse als Spuren in vielfältiger Weise sedimentieren können. Die Spuren und Indizien jener Metamorphosen sind dabei als Kommunikationsimpuls zu verstehen. Andrzej Dzierzbicki will durch seine Aktionen und Projekte nicht belehren oder gar missionieren, sondern ist im Sinne autopoietischer Prozesse neugierig auf Botschaften, die sich spontan auf individueller und kollektiver Ebene anbahnen.

Wasser interdisziplinär 21

Mit seinem Projekt „Wasser interdisziplinär 21“ möchte er nicht nur im Sinne einer kritischen politischen Umweltbildung Akzente setzten, sondern vor allem auch vergessene, „verschüttete“ und z.T. nivellierte Natur- und Kulturgeschichten wieder sichtbar machen. Kulturgeschichtliche Bedeutungszuweisungen werden – getragen von einem humanökologischen Ansatz – wieder sichtbar gemacht. D.h. Anfang, Mitte und Ende einer jeweiligen Kulturgeschichte des Wassers sind in seinem Projekt präsent.  In einem verheißungsvollen Dazwischen von Natur- und Kulturgeschichte(n) sind Impulse für sehr unterschiedlichen Disziplinen angelegt: für Raum- und Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften, Kulturanthropologen, Philosophen und nicht zuletzt auch für Kunst und Kunstpädagogik.

Weidenhain Europa

Dieser interdisziplinäre Anspruch eines Vernetzungskünstlers findet eine Kontinuität in seinem Projekt um Weiden-Landschaften und Weidenhaine. Die Weide steht dabei als Repräsentantin vielfältiger Natur- und Kulturgeschichten im Zentrum. In verschiedenen Lern- und Lehrszenarien taucht sie von daher die Weide in ihren Eigenschaften und Eigenarten gleichermaßen als Sozial- und Bioindikator auf.

Vielschichtigkeit verschiedener Wissens- und Erfahrungsbereiche

Eine der Kern-Faszinationen der Projekte des Vernetzungskünstlers Andrzej Dzierzbicki liegt in der Vielschichtigkeit verschiedener Wissens- und Erfahrungsbereiche. Der Künstler Andrzej Dzierzbicki ist dabei in seiner sensiblen, eigenwilligen und neugierigen Art prädestiniert, zwischen den Akteuren hinter den verschiedenen Wissens- und Erfahrungsbereichen nicht nur zu vermitteln, sondern auch Differenz- und Streitkultur im positivsten Sinne zu bewahren.